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Presse





VORARLBERGER NACHRICHTEN, Donnerstag, 16. September 1993 – BEZIRK BLUDENZ

Filmemacherin mit Leib und Seele
Lucienne Lanaz aus Nyon (Schweiz) gehört seit 1990 der Bludenzer Alpinale-Film-Jury an

VON EVA JACOB

Bludenz (VN) Lucienne Lanaz hat schon drei Jahre Alpinalel-Erfahrung. "Das Niveau wird stetig besser", betont sie. Alle, die bislang dabei waren, hätten das unprätentiöse Festival gelobt.

Die freischaffende Filmemacherin konnte für Ihre Arbeiten eine Reihe von Preisen einheimsen. Überdies besitzt sie Diplome als kaufmännische Angestellte und als Sportlehrerin.
Die Frau "in den besten Jahren" über sich selbst: "Ich bin ein Proletarierkind". Beide Eltern aber hatten eine kreative Ader. Die Mutter war eine phantasievolle Hutmacherin und der Vater hat sich vom Schafhirten zum selbstentwerfenden Schneider hochgearbeitet.

Frau Lanaz. Sie betonen "Proletarierkind", warum hat das einen so grossen Stellenwert für Sie?

Weil wir zuerst eine Einzimmerwohnung hatten, endlich eine Zweizimmerwohnung bekamen, und weil ich nicht auf die Kunstgewerbeschule durfte. Das sei ein Hungerberuf. So wurde ich ein rebellisches Kind. Als ich schliesslich Sex mit Liebe verwechselt hatte, wurde ich in ein Heim gesteckt. Dabei wollte ich immer heiraten. Am liebsten einen Akademiker und sechs Kinder haben. Ich glaube, dass ich gute pädagogische Fähigkeiten entwickelt hätte.
Den Akademiker bekam ich und auch ein Kind, dann aber verliess er mich und ich besann mich wieder auf meine künstlerischen Wurzeln. Ich habe mir wirklich ein neues "Ich" aufgebaut.

Wann und wie begann das mit den Filmen?

Vater hat erzählt, dass mich die Eltern schon als Baby - unerlaubterweise - mit ins Kino nahmen. So habe ich es vielleicht in die Wiege gelegt bekommen. Schliesslich bin ich einem Kameramann begegnet und Ich bin mitgegangen zum Drehen. Am zweiten Tag war der Scriptboy krank und ich bin eingesprungen – ja, so war das. Es hat mich fasziniert, wie so ein Film entsteht, vor allem das Teamwork. Ziel ist nur das Endprodukt.


Und Ihr erster eigener Film?

In den Kameramann habe ich mich wohl verliebt. Jedenfalls planten wir einen Film zu machen. Ich hatte die Idee, besorgte das Geld und er übernahm die Technik. Der Film hiess "Späte Liebe", Es ist die Geschichte meiner Mutter, die als 70jährige einen Jugendfreund wiederfindet und glücklich wird. Meine Mutter hat das selbst gespielt. Ich besorgte die psychologische Vorbereitung und hatte die Co-Regie. Ich hab alles gelernt, was man beim Filmemachen wissen muss, von der Pike auf. Wir haben gleich einen Preis gewonnen. Mit dem Geld wollte ich einen neuen Film machen, er aber zwei.

Und da gab es Differenzen?

Kann man sagen. Trotzdem gewann ich Selbstbewusstsein. Weil ich merkte, dass das, was beim Drehen schlecht war, auch im Fi1m selbst nicht gut war. Er wollte Spielfilm - ich Dokumentar. Man kann schon sagen: Unsere Liebe ist zerbrochen. So habe ich meinen ersten eigenen Film versucht. Über meinen Nachbarn: Der alte Mann hatte eine Räucherküche. Der Film hiess "Feuer - Rauch – Würste". Sein Haus hatte kein elektrisches Licht und kein fliessendes Wasser.
Bevor wir anfingen, hat "Opa" mir sein Leben erzählt. Er war Landarbeiter, ein armer Schlucker: war ein Naturtalent als Schauspieler. Der Film war die Krönung in seinem Leben. Ich glaube, ich habe ihm eine Riesenfreude gemacht. Meine Filme waren immer so etwas wie ein "Coup de Coeur!"

Mit wem haben Sie zusammengearbeitet?

Inzwischen hatte ich viele Leute kennen gelernt. Es war eine hoch-professionelle Equipe. Und auch hier haben wir einen Preis bekommen. Ich habe meine Filme stets lange vorbereite. Auch den über die Glockengiesserei und den über das 25 jährige Mädchen, dass sich sterilisieren liess. Sie ist heute eine bekannte Schauspielerin.
Mein schwierigster Film war "Meine Freunde in der DDR". Das war noch vor die Mauer fiel. Interessiert hat mich, dass sich auch nicht regimetreue Menschen Nischen schaffen konnten. Es waren sechs Menschen. Alle hatten was. Nur eine Frau mit Kindern nicht. Sie hiess Uschi und war Abteilungsleiterin in einem Kaufhaus.
Solch einen Film, ich meine authentisch, könnte man jetzt nicht mehr machen. Natürlich hatte ich grosse Schwierigkeiten mit den Behörden. Aber ich habe mich durchgesetzt und am Ende hatten wir Narrenfreiheit

Ihre Pläne?

Ich habe mal als Kellnerin gearbeitet. Über dem Lokal, im oberen Stock, war Striptease. Eine der Frauen hat mir ihre Geschichte erzählt. Ich habe auch schon einen Autor gefunden. Ich möchte das als Regisseurin machen. Aber ich habe noch keinen Geldgeber gefunden. Eine Frau aus der Jury für die eingereichten Drehbücher hat gesagt: "Wer das erfindet, muss krank sein". Ist aber nicht. Die Geschichte ist vollkommen wahr.

Viel Glück und vielen Dank für das Gespräch.

Lucienne Lanaz
Hobbys: Menschen beobachten, überhaupt mit Menschen umgehen, lieben, streiten - ja - und einbisschen Sport. Einmal lm Jahr arbeite ich als Skilehrerin mit Kindern. Die Erwachsenenwelt geht mir manchmal auf den Keks. Kochen tue ich auch gerne, französische Küche.
Welche Ihrer Charaktereigenschaften hätte sie lieber nicht?
"Dass ich immer gerne recht haben möchte. Daran modele ich seit 30 Jahren. Vielleicht kommt's daher, dass ich mich immer verteidigen musste."


"DER TAGESSPIEGEL" West-Berlin, 12.11.1981

Eine Schweizer Filmemacherin
Lucienne Lanaz im Arsenal

Sechs Arbeiten umfasst das Werk der Schweizer Filmemacherin Lucienne Lanaz, die sich gegenwärtig als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin aufhält, wo sie bereits an ihrer siebenten und achten Inszenierung arbeitet, einer Dokumentation über einen Berliner Instrumentenmacher und einer Darstellung einer Varietékünstlerin. Dokumentationen sind im übrigen auch die bisherigen Filme von Frau Lanaz, die, wie sie sagt, "durchs Hintertürchen" zum Film gekommen ist. Sie war kaufmännische angestellte, Turnlehrerin und dann erst Mitarbeiterin in vielen Funktionen beim Film.

Ihre erste Arbeit entstand 1973, das Porträt einer alten Frau, der Bericht über ein "Spätes Glück". 1976 folgte das Konterfei eines alten Mannes, der auf seinem einfachen Hof eine "Räucherküche" (so der Titel des Films) betreibt. Mit Liebe und Zurückhaltung hat Lucienne Lanaz diesen Alten und seine stille Zufriedenheit mit dem Leben beobachtet. 1978 war "Die Schmiede" eines Eisenplastikers ihr Thema; lm selben Jahre interessierte die Filmemacherin "Der Aufsatz" eines 16jährigen,vor allem aber der Kontrast zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Hat sich die Regisseurin bis dahin mehr individuellen Themen zugewandt, so widmete sie sich 1980 aktuellen Problemen: lm "Cinéjournal au féminin" untersuchte sie mit anderen, welchen Standort die Schweizer Wochenschau in den letzten 35 Jahren der Frau eingeräumt hat.

Und 1981 endlich setzte sich Lucienne Lanaz mit der heiklen Frage der freiwilligen Sterilisation auseinander: Sie lässt junge Leute zu Worte kommen, die die verschiedensten Standpunkte einnehmen, und sie verfolgt eine Gestalt, die sich zu einem Eingriff entschliesst, wobei auch medizinische Kommentare eingeschlossen werden. Dieser offene und ehrliche und ehrliche Film, der ohne Prüderie realisiert wurde, ist, wie die Regisseurin meinte, als Diskussionsstoff gedacht. Zweifelsohne wird er, wenn schon nicht Denkanstösse provozieren, so doch zu Auseinandersetzungen unter jungen Menschen anregen. Gerade bei diesem Film aber liegt der Akzent mehr auf dem Bereich als auf dam formalen: "Ich habe ein Recht auf meinen Körper" dient der Information - über die Sterilisation und zugleich über den Zustand mancher Angehöriger der jungen Generation. (Das Arsenal zeigt heute und morgen jeweils um 20 Uhr alle erwähnten, Filme von Lucienne Lanaz: heute "Ich habe ein Recht auf meinen Körper" und "Cinéjournal au féminin", morgen die übrigen vier.

V.B.


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SEITE 10-S0NNTAG.15. NOVEMBER 1981 "MORGENPOST", West-Berlin
Lucienne Lanaz hat sich dem Film verschrieben
Schweizer Quirl liebt den Schock

lm Juli kam sie als Stipendiatin des Künstlerprogramms des DAAD nach Berlin. Da fühlte sie sich doch ziemlich "einsam und verlassen". Es gab keinen Ansprechpartner für die junge Schweizerin Lucienne Lanaz, für die "Filmen ein Hobby ist, das mir teuer zu stehen kommt".
Inzwischen hat sich die Situation für die quirlige und wache kleine Person positiv geändert. Als Mitarbeiterin der Berlinale flitzt sie durch alle Etagen des Festspielhauses in der Budapester Strasse, mal deutsch, mal französisch parlierend. Für das Dritte Programm des SFB, genauer für die Sendung "Berliner Fenster", wird sie einen Sechs-Minuten-Film drehen über einen originellen Musikinstrumentenbauer, "Den hatten sie beim SFB noch nicht entdeckt", meint sie schmunzelnd und verrät dabei ihr Prinzip als Filmemacherin: "Ich gehe nie von einem vorgefassten Thema aus, sondern von bestimmten Menschen, die ich kennenlernte und die meine Freunde geworden sind,"
So schuf sie beispielsweise 1976 den Dokumentarfilm "Die Räucherküche" über einen skurrilen liebenswerten Nachbarn, für den das richtige Räuchern von Würsten noch eine handwerkliche Kunst war.
Lucienne Lanaz befasst sich aber nicht nur mit leider aussterbenden Berufen, sondern auch mit kontroversen Themen wie der der Sterilisation für Männer und Frauen, die grundsätzlich keine eigenen Kinder in diese Welt setzen wollen. Sie schockiert den Zuschauer gleich zu Beginn, indem sie den ambulanten operativen Eingriff bei der Sterilisation eines Mannes zeigt. Die Sterilisation einer Frau, die jedoch nicht im Bild zu sehen ist, findet übrigens in Berlin statt, durchgeführt von einem türkischen Arzt, der sie erst zur Familienberatung schickt, auf dass sie sich genau Klarheit über die Konsequenzen ihres Entschlusses verschafft.
"Sterilisation" ist ein Film, der zur ernsthaften offenen Diskussion einlädt. Mit ihm beginnt am 17. November um 20 Uhr im Arsenal eine Werkschau, die am 18. November, ebenfalls um 20 Uhr, fortgesetzt wird. Sie umfasst neben den beiden genannten Titeln noch die Dokumentarfilme "Die Frau in der Filmwochenschau", "Die Schmiede", "Der Aufsatz" und "Spätes Glück". Lucienne Lanaz absolvierte erst brav eine kaufmännische Lehre, machte auch ein Diplom als Turnlehrerin und verdiente sich ihren Lebensunterhalt sogar einmal als Kellnerin in einem Striptease-Lokal. Zum Film kam sie eher zufällig: "Ich verliebte mich in einen Kameramann, und was gibt es für eine bessere Motivation als die Liebe", fragt sie lachend.
Inzwischen hat sie, unter anderem bei Marcel Leiser, das filmische Handwerk von der "Pieke auf" und als "Mädchen für alles" gelernt und geniesst nun internationales Ansehen im gegenwärtigen Dokumentarschaffen. Noch in Berlin bereitet sie ihr nächstes Filmprojekt vor, einen Film über eine 48jährige "Schlangenfrau", die sie hier kennenlernte und die aus beruflichen Gründen zwischen Ost und West pendelt. Es wird ein neues Exempel werden darüber, wie ein Mensch sein Leben meistert.

Kurt Habernoll












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